Gänseblümchen

Du kennst ihn, den ultimativen Alptraum. Der, aus dem du zitternd erwachst und deinen Puls bis in die Fingerspitzen spürst. Der eine Traum, der dich dazu bringt, dich vor dem Einschlafen zu fürchten, allein aus Angst, er könne dich von Neuem heimsuchen. Der, der dir diesen kalten Schauer über den Rücken rieseln lässt und ein Gefühl von Bitterkeit im Hals verursacht, wenn du tagsüber an ihn denkst.

Und du musst oft an ihn denken.

Mein Alptraum handelt von Gänseblümchen.

Gänseblümchen. Ich sitze auf einer Wiese, einer sattgrünen Wiese im Sonnenschein. Sie ist perfekt. Es gibt hier nichts von dem, was sie Unkraut nennen. Es gibt keine Insekten, keine Ameisen und keine Bienen. Keine Schmetterlinge, die ich nicht mag. Nur dicht gewachsenes Gras und Gänseblümchen. Die Sonne scheint, aber sie brennt nicht auf meiner Haut. Es weht kein Wind, es ist nicht drückend. Der Himmel ist azurblau und unendlich.
Ich trage ein sommerliches Kleid in weiß und rot. Das Haar fällt mir über die Schultern. Ich fühle mich schön.

Und ich pflücke Gänseblümchen.
Für immer. Für ewig.
Für immer und ewig - das ist mein Problem.

Wir spielten nie in einer Liga, du und ich.

Du warst der Sunnyboy der Schule. In deinen Augenwinkeln hielt sich Neugier versteckt, auch wenn du selten Fragen stelltest. Gingst du durch die Klasse, so hatte jeder danach den Eindruck, vor dir wahrgenommen worden zu sein. Das war uns wichtig. Uns allen.

Du hast oft gelächelt. – Nein, du hast immer gelächelt.

Ich erinnere mich an den unaufdringlichen Geruch deines Deodorants.
Auf deinen Schuhen fand sich nie Dreck, als würdest du über einen anderen Erdboden gehen als ich. Sport war deine Leidenschaft. Tennis im Sommer, Snowboarden im Winter.
Schwimmen? Joggen? Natürlich, beides zweimal pro Woche.
Deine Kleidung ließ erahnen, dass du wusstest, wie dein Körper auf andere wirkte. Es galt derzeit als modern, die Hosen in den Kniekehlen zu tragen oder mit dem Reißverschluss nach hinten; aber das kümmerte dich nicht, denn deine Jeans hatten Knöpfe statt einem Reißverschluss und saßen perfekt. Dein Adidas-Rucksack war nicht mit Edding beschmiert und deine Bücher hatten Schutzumschläge und keine Knicke.
Du hattest immer deine Hausaufgaben rechtzeitig fertig, niedergeschrieben in dieser scharfen, ausholenden Handschrift, die nicht aussah, wie die eines Vierzehn- oder Fünfzehnjährigen. Sie schien erwachsen, ordentlich und dir eigen.

Einen intelligenten Jungen, nannten sie dich, beliebt bei den anderen Jungs und angehimmelt von den Mädchen. Selbst die verdammten Lehrer mochten dich.

Jeder mochte dich.

„Marlon ist der einzige Mensch, den ich kenne, der zu jeder Seele freundlich ist und der wohl nie lästern würde.“ Das stand über dich im Jahrbuch. Das war es, was wir sahen.

Selbst zu mir warst du freundlich.

Ich. Ja, ich …

Ich war auf der Suche nach mir selbst und wusste nicht, wonach ich Ausschau halten sollte. Mein Gesicht war blass, noch blasser geschminkt, und pickelig. Unter meinen mit schwarzem Kajalstift umrandeten Augen lagen Ringe. Ich war zu groß für mein Gewicht, sodass die Knochen hervortraten. Auf meine Kleidung gab ich einen Dreck; ich glaube, sie war meist schwarz und provokant, aber ich weiß es nicht mehr. Ich erinnere mich an das Tuch mit den Totenköpfen, das ich gerne um die Stirn gebunden trug, um mein dünnes Haar zu verstecken. Und an meinen zerfetzten, mit anarchistischen Symbolen beschmierten Lederrucksack, der wie meine Bomberjacke immer ein bisschen nach der Pisse meiner Ratten Jan und Dirk stank.

Gelächelt habe ich selten, ich glaube kaum, dass du mich je lächeln gesehen hast. Ich empfand mein Lächeln als zu hässlich um es dir zu zeigen. Meist habe ich vor mich hingestarrt und mich an erstem Zynismus versucht, wenn jemand mit mir sprechen wollte. Mir blöd kam – wie ich es ausdrückte. Ich habe süffisant gegrinst, wenn die Lehrer resigniert die Köpfe schüttelten, weil ich ihnen Sprüche statt Hausaufgaben ablieferte.

Warum?
Vielleicht fand ich mich cool. Was Besonderes, Luschi. Anders, als all die Idioten, die ich nicht leiden konnte. Ob sie mir etwas getan hatten oder nicht, war dabei egal. Sie waren Menschen, das war Grund genug, sie zu verabscheuen. Sie waren anders als ich.


Pünktlich zur Schule kam ich nur donnerstags. Donnerstags hatten wir in der ersten Stunde Bio und im Bioraum saßen wir nebeneinander. Du wirst es nicht bemerkt haben, aber an den Bio-Tagen – Montag und Donnerstag – war mein Gesicht ein bisschen weniger dramatisch geschminkt, meine Kleidung nicht so auffällig, mein Haar gewaschen und meine Laune etwas besser.

Der Grund warst du. Ich fragte mich nicht, was ich an dir fand. Du hast all das verkörpert, was ich hasste. Alles, wogegen ich rebellierte. Dass ich dich trotzdem mochte, hat mich fasziniert.

Du warst der Grund rechtzeitig aufzustehen, um den Bus zu erwischen. Du warst der Grund, warum ich überhaupt noch hingegangen bin – zur Schule. Jeden Tag, denn ich wollte dich sehen, und wenn es nur aus der Ferne war.

Kein Tag verging, an dem ich nicht an dich dachte.

Du warst der Grund, warum ich nicht aufgab, es nicht einfach bei dem unterkühlten, emotionslosen Gothic-Girl beließ, dass ich geworden war. Der Grund, warum ich nach etwas anderem in mir suchte.

Geredet haben wir nur selten. Ein paar Nebensächlichkeiten hier und da.
„Hast du eine Kippe für mich?“ Du nahmst den Ärmel meiner Jacke, in dem ich unweigerlich die Faust ballte, und zogst ihn ein winziges Stück zurück. Neugierig, was ich darin verbarg.
„Ich rauch nich‘“, sagte ich. Doch von dem Tag an trug ich ein Päckchen Zigaretten mit mir herum. Falls du nochmal fragen solltest. Hast du aber nie.

Ein anderes Mal fragtest du mich nach der Musik, die ich hörte. Ich nannte dir die Band, eine Punkrockband, aber du kanntest sie nicht. Du erzähltest mir, dass du die neue Kuschelrock gekauft hättest und ich verdrehte die Augen und murmelte: „Kommerzielles Schmalzgedudel.“ Ich kaufte die Platte am gleichen Nachmittag. Ich höre sie heute noch manchmal.

Einmal fragte ich dich: „Hast du die Hausaufgaben gemacht?“ Und du sagtest: „Natürlich.“ Du schobst mir dein Heft zu und lächeltest. Nicht abfällig, nein. Ganz freundlich. Ich kritzelte eine Ratte in mein Heft, statt deine Worte mit meiner Sauklaue abzuschreiben. Am nächsten Donnerstag hatte ich die Aufgaben auch gemacht. Und wieder dein Lächeln. Ich kniff die Augen zusammen und verzog den Mund. Abfällig.

Dann kam der Donnerstag, an dem Bio-Guru Schäfer später kam. Stau auf der A3 hielt selbst Lehrer auf. Von mir aus. Ich lag auf dem Tisch, das Gesicht im Stoff meines Ärmels vergraben, und hörte Musik. Du zupftest mir den Kopfhörer aus dem Ohr.

„Fürchtest du dich davor zu sterben?“ Du sahst mich direkt an, wie es niemand anderes konnte. Du sahst direkt durch die Maske hindurch. An die Stelle, wohin ich selbst gerne mal einen Blick geworfen hätte. Fordernd, als würdest du die ultimative Antwort von mir erwarten. Und gleichzeitig so warmherzig, dass mir klar war - egal was ich sagte, es würde das Richtige sein.
Ich antwortete ein einfaches Wort und es war die Wahrheit.
„Nein.“
„Aber wer weiß, was kommt, wenn man stirbt!“ Dein Blick durchbohrte mich voller Erwartungen. Als hinge dein Leben an meiner Antwort.
„Keiner“, erwiderte ich und zerkratzte mit meinem Schlüssel den Tisch. „Das macht es interessant, oder? Ich bin gespannt was kommt.“
„Egal was kommt“, sagtest du. „Ich hab Angst davor. Und wenn es noch so schön ist – es ist ewig. Du kommst da nie wieder raus.“
Ich zuckte mit den Schultern. Hätte gerne etwas Kluges drauf geantwortet, aber mir fiel nichts ein. Denkt er, ich wolle ich mich umbringen?, dachte ich. Würde es ihn interessieren? Ist etwas dran?
Ich sagte: „Ich werd’s mir merken.“
„Tu das.“
Ich wollte über dein Erröten spotten, aber konnte es nicht. Schäfer kam. Ich machte ein M aus dem Kratzer im Holz. Von der nächsten Woche an blieb der Stuhl neben mir leer. Du suchtest dir einen neuen Platz und ich ließ die Hausaufgaben wieder weg.

Ein paar Jahre vergingen. Nachdem ich sitzen blieb und du aufs Gymnasium wechseltest, verlor ich dich aus den Augen und fand mich selbst. Manchmal glaubte ich, andersrum wäre es mir lieber gewesen, denn vergessen konnte ich dich nie.

Meine Metamorphose beeindruckte mich selbst. Ein knochiger Körper wurde weiblich, bedurfte plötzlich lässiger und moderner Kleidung. Mir gefiel mein Lächeln und ich fand Menschen, die ich mochte. Ich fand sogar ein paar Menschen, die mich mochten.

„Irgendwann“, sagte ich mir hin und wieder, „werde ich Marlon anrufen und ihn zu einem Kaffee einladen. Er wird mich gar nicht wiedererkennen.“ Ich freute mich auf dein Gesicht bei unserem Wiedersehen. Ich wusste, dass du lächeln würdest.
Ich wusste, wir würden uns wiedersehen.

Ich schob es vor mir her. Noch eine Woche warten, mich noch eine Woche weiterentwickeln. Noch eine Woche selbstbewusster werden. Noch hatte ich den Mut nicht gefunden, deine Nummer zu wählen. Und so verging ein weiteres Jahr, und mit ihm keine Stunde, an der ich nicht an dich dachte.

Dann hatte ich zum ersten Mal den Traum. Den Traum von der perfekten Wiese und den Gänseblümchen, der mich so verstörte. Der mir zum ersten Mal in meinem Leben zeigte, was Angst bedeutete.

Angst zu sterben – Angst vor dem, was kommen könnte.
Angst vor der Unendlichkeit.
Bin ihn nie losgeworden, diesen Traum.

Eine Woche später traf ich deinen Freund Sascha. Er erkannte mich kaum, erinnerte sich nicht einmal an meinen Namen.
„Die Gothic-Göre“, klärte ich ihn schließlich mit einem Zwinkern auf und der Groschen fiel. Er staunte.
Ein bisschen Smalltalk, ein paar Höflichkeiten folgten. Dann meine Frage.
„Und? Hast du noch Kontakt zu Marlon?“ Betretenes Schweigen. Bruchstückhaft waren die Satzfetzen, die mich schließlich doch erreichten.
„Schwer krank - schon seit Jahren - letzte Woche - gestorben.“
Die Welt kümmerte sich nicht um seine Worte. Jungs mit Schulranzen, breiter als ihre Schultern, schubsten sich über den Gehweg. Auf der Straße bildeten Autos eine Kette aus metallisch glänzenden Gliedern. Eins nach dem anderen glitt an uns vorbei. Für immer.
„Ach so.“ Ich sagte das nicht, es kam einfach aus meinem Mund. „Okay. Dann mach‘s gut, Sascha. Schönen Tag noch und grüß alle.“
Keine Ahnung, wen er grüßen sollte.

Und heute, Jahre später, steh ich da. Im Regen, denn bei Sonnenschein könnte ich es nicht ertragen. Mein BMW parkt vor dem Eingang, ich hab ein Ticket bezahlt.
Das modern geschnittene Haar klebt mir im Gesicht wie Seetang. Es ist nur Regen, der mir das Make-Up im Gesicht verlaufen lässt.
Meine Kinder hängen mir links und rechts an den Händen.
Micky Maus und Pokemons verzieren ihre kleinen Schirme und die Gummistiefel, mit denen sie dem Wetter trotzen.

„Können wir eeendlich gehen“, mault Sina, lässt mich los und hüpft ein paar Schritte voraus.
Endlich?
„Mir ist langweilig hier. Friedhof ist dooof!“ Tim zerrt mit schokoladenbeschmierten Händchen an meiner Jacke.

Aber ich kann noch nicht gehen. Ich starre regungslos auf den vor Nässe glänzenden Kissenstein, der auf dem gepflegten Grab liegt.
Verschwommen sehe ich die Worte, die da unter deinem Namen stehen, obgleich sie so scharf geschrieben sind. Die Schrift erinnert mich an deine. Als hätte deine Knochenhand sich durch die Erde gewühlt, um Worte in den Stein zu ritzen, die unendlich waren.

„Ich habe keine Angst. Ich bin gespannt was kommt.“

Gewispert entweicht mir dein Name und das Lächeln, das meinen Mund bewegt, verstehe ich nicht.

„Dann ist es also wahr. Du bist tot.“

Sina kehrt zurück. Schwungvoll wirft sie etwas über dein Grab, wie sie bei der Hochzeit meiner Schwester Rosenblätter auf den Weg gestreut hat. Mir gefriert das Lächeln im Gesicht, als ich erkenne, was es ist.